Ein Straßenkreuz

 

 

 

 

 

Es ist kalt, es ist windig, der Regen peitscht auf die Windschutzscheibe meines kleinen Wagens und ich fahre durch die Nacht. Auf dem Weg nach Erndtebrück, auf die Bundesstraße 62. Dort soll sich ein Verkehrsunfall ereignet haben, mehr Informationen habe ich von meinem Anrufer nicht bekommen. Als ich unterwegs zur Einsatzstelle bin, mache ich mir nicht viele Gedanken. Mein Radio dudelt irgendeine Melodie vor sich hin. Es ist ein Wunder, dass es überhaupt mal funktioniert, meistens rauscht es nur. Die Heizung ist da verlässlicher - sie hat mir das Fahrzeug innerhalb weniger Minuten schön warm gemacht und so trotze ich dem ungemütlichen Wetter, mit dem meine Scheibenwischer nun zu kämpfen haben. Ich fahre nach Erndtebrück rein. Einen weiteren Anruf hatte ich nicht - das heißt eigentlich, dass es doch keinen Unfall gegeben hat, oder nur jemand eine Panne hat. Trotzdem fahre ich weiter. Als mir am Ortsausgang ein Feuerwehrauto - voll besetzt - entgegenkommt, weiß ich, dass wohl doch etwas dran sein muss. Ich stelle das Radio ab und öffne das Seitenfenster. Man hört nichts, nur das Wasser, das durch die Dachrinnen läuft und die Regentropfen, die jetzt nur noch vereinzelt auf die Windschutzscheibe trommeln. Die Feuerwehr kam mir  entgegen - aber bis jetzt noch kein Rettungswagen. Das wundert mich. Ich befürchte einen schlimmen Unfall. Auf der langen Geraden in Richtung Lützel stehen am rechten Fahrbahnrand zwei Pkw. Sie haben das Warnblinklicht eingeschaltet. Jetzt erkenne ich auch einen Rettungswagen und das Notarzteinsatzfahrzeug unserer Wache. Die Kollegen stehen auf der Straße. Das ist kein gutes Zeichen. Ich stelle mein Fahrzeug in einem Feldweg ab, ziehe mir noch eine Regenjacke an und gehe in Richtung der Fahrzeuge. „Hallo Matthias", der Polizeibeamte begrüßt mich kurz und geht weiter. Meine Kollegen sehen mich an. Geredet wird nicht viel - das ist üblich bei Einsätzen dieser Art. In der Wiese wird etwas ausgeleuchtet, einige „schwarze Brocken" sind zu sehen - mehr nicht. „Moin Matthes. Pass auf es ist nass", die völlig überflüssige Bemerkung eines Bekannten zeigt, dass hier etwas schlimmes passiert sein muss. Er versucht, von dem Ereignis abzulenken. „Ja, ich passe auf", entgegne ich ihm im Vorbeigehen. Was passiert ist, weiß ich noch nicht. Ich sehe einige Polizeibeamten, die in der Wiese umherlaufen. Der RTW und das NEF rücken ab. „Matthias, würdest Du uns ein paar Fotos machen. Ich gehe mit Dir", fragt mich ein Polizist. „Ja mache ich. Was ist denn eigentlich passiert?", frage ich. Jetzt erfahre ich bruchstückhaft, dass ein 19 jähriger Junge bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. „Mehr weis ich auch noch nicht. Ich komme sofort zu Dir. Dahinten liegt  das Auto", antwortet der Polizeibeamte. Ich gehe zum Auto, um es zu fotografieren. Unterweges steht ein Polizist in der Wiese. „Hallo, grüß Dich". Viel wird nicht gesprochen. Der Polizeibeamte steht vor einem weißen Tuch. Darunter liegt der Junge. Ich gehe schnell weiter in Richtung des Autos, dass in der Wiese liegt. Es ist ein schwarzer Golf, den ich zuvor als „schwarze Brocken" gedeutet hatte. Der Wagen  liegt auf dem Dach, das ganze Gepäck liegt in der Wiese verstreut. Ein Radio, ein paar Schuhe, ein Seesack, ein paar Lebensmittel. Ich mache Fotos von dem Auto und den Gegenständen. „So. Hast Du Deine Zeitungsfotos gemacht? Dann gehe ich mal mit Dir und Du könntest uns noch ein paar Fotos machen", kommt der Polizeibeamte wieder auf mich zu. Wir gehen rund. Jedes Detail, jede Spur, jeder Gegenstand - alles wird fotografiert. Jetzt erfahre ich auch, was genau passiert ist: „Der Mann wollte zur Kaserne fahren und so wie das aussieht, ist er eingeschlafen. Dann ist sein Wagen von der Straße abgekommen und hat sich in der Böschung und der Wiese überschlagen". Eigentlich ist das doch gar nicht so schlimm, wie kommt der Junge mitten in die Wiese, zehn bis fünfzehn Meter von seinem Auto weg? „Der war nicht angeschnallt und ist aus dem Auto geflogen. Dabei ist er gegen den Stahlmasten in der Wiese geprallt. Seine Kopfverletzungen waren mit dem Leben nicht mehr zu vereinbaren", erklärt mir der Polizeibeamte den genaueren Hergang. Mittlerweile ist ein Fernsehteam eingetroffen und nimmt den Golf auf. Die Feuerwehr bereitet die Bergung vor. Wir stehen auf der Straße und ich lasse mir den Verlauf der Spuren erklären. Autos rasen vorbei. Von der Tragödie haben sie nichts mitbekommen. „Wenn der Angeschnallt gewesen wäre, wäre dem nichts passiert", denke ich immer wieder.  Jetzt ist es die Aufgabe der Polizei, die Eltern des Jungen zu informieren. Die wohnen im Münsterland und ahnen nichts von dem Unglück. Als ich nach etwa zwei Stunden meine Arbeit beendet habe, fahre ich nach hause. In der Redaktion ist jetzt noch niemand. Um noch mal ins Bett zu gehen, ist es zu spät. Ich zähle die Zeit, bis ich in die Redaktion fahren kann. Die Gedanken an den Unfall fressen mich bald auf. Da haben Eltern ihren Sohn, Großeltern ihren Enkel, Geschwister ihren Bruder, Soldaten ihren Kameraden und ganz viele Menschen ihren Freund verloren. Nur, weil er sich nicht angeschnallt hatte. Ich wünschte manchmal, die Menschen würden begreifen, wie zerbrechlich sie sind. „Du hast nur 50 Zeilen. Wir haben nicht viel Platz", mit diesem Satz ist mein Vorhaben dahin, in diesem Artikel noch einmal auf die Bedeutung des Sicherheitsgurtes hinzuweisen. Bleibt zu hoffen, dass viele Menschen einen Gurt anlegen. Denn an dieses Schicksal an der B 62 erinnert nichts mehr. - Doch: Ein Straßenkreuz.      

Wenn auf einmal alles anders ist

Lange habe ich überlegt, ob ich das machen soll. Immer wieder das für und wider einer solchen Berichterstattung abgewogen. Ganz wohl ist mir auch jetzt noch nicht dabei. Aber wenn niemand erfährt, wie rücksichtslos Verkehrsteilnehmer sind, dann kann auch niemand etwas daran ändern und wenn man es in der Tagespresse ließt, dann hat man als Berichterstatter und „0-8-15-Mitarbeiter" fast nie die Chance, alles zu schreiben, was eigentlich geschrieben werden müsste. Scheinbar nehmen politische Streitereien in unserer oft falschen Gesellschaft doch einen größeren Stellenwert ein. Natürlich kann man argumentieren, dass man solche Berichte aus Rücksicht auf die Angehörigen so kurz wie möglich halten muss. Aber wenn ein solcher Bericht größer und umfangreicher gestaltet wird und man ihn so schreibt, wie man die Situation empfindet, dann wird vielleicht irgendwo ein Mensch das lesen und sich das in der nächsten gefährlichen Situation im Straßenverkehr wieder in Erinnerung rufen. Dann hat es doch was gebracht, oder? Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das das Richtige ist, was ich in diesem Moment tue, weil ich eben nicht weiß, wer alles auf dieser Homepage liest und ob es nicht vielleicht doch jemanden schwer trifft. Ich werde es jetzt einfach mal schreiben, reinstellen und die Reaktionen abwarten. Aber vielleicht liest auch hier jemand den Text, der sich die Geschichte dann bei der nächsten Geschwindigkeitsbegrenzung und dem nächsten Überholverbot zu Herzen nimmt:

Es war ein schöner Tag im Sommer in 2006. Die Sonne hatte den neuen Tag gerade begrüßt und ich wollte eigentlich in den Wald fahren, um dort ein paar Fotos zu machen. Die wenigsten Leute wissen, dass ich nicht nur Einsätze und BOS fotografiere. Das Rotwild in der Brunftzeit, Wildschweine, Landschaftsaufnahmen und Fotos von Haustieren gehören ebenfalls zu meinem Hobby. Ich war fest entschlossen, an diesem Morgen ein Tal im Frühnebel zu fotografieren. Im Garsbach bei Alertshausen geht das eigentlich ganz gut. Entsprechend früh war ich an diesem Tag aufgestanden. Als ich schon unterwegs in Richtung Alertshausen war, ging mein Telefon. „Matthes, ein schwerer Verkehrsunfall in Rinthe Richtung Leimstruth", wusste einer meiner treuesten Informanten. In den nächsten Minuten gingen auch noch weitere Anrufe ein und ich nahm Kurs in Richtung Einsatzort. Unterwegs versuchte ich noch, einen Kollegen zu erreichen, der mich gebeten hatte, ihn bei einem der nächsten Einsätze doch einmal zu informieren, da er einmal mit wollte zu so etwas. Der Kollege ging jedoch nicht an sein Handy - ungewöhnlich für ihn. Langsam kam ich nun in die Nähe der Einsatzstelle. Schon von weitem erkannte ich, dass es etwas größeres sein musste. In der Ferne zeichneten sich schemenhaft Konturen von Feuerwehrwagen, mehreren RTW und dem RTH ab. Die Straße war bereits am Abzweig Hemschlar abgesperrt. Der Polizeibeamte sagte mir, dass sich die Unfallstelle hinter Rinthe befinden würde und dass vermutlich ein Mensch getötet worden sei. Als ich immer näher komme, stelle ich mein Auto hinter einem Streifenwagen ab. Der freundliche Kollege der Polizei hatte mich dorthin gewunken. „Ich habe gleich Zeit", sagte er mir und verschwand zunächst im Trubel. Ich ging ein paar Meter zurück und machte ein paar Übersichtsaufnahmen von den Einsatzfahrzeugen. Dann ging ich zum Polizeibeamten, der mir sagte, dass noch jemand im Auto eingeklemmt sei und gerade vom Rettungsdienst befreit werde. Mir kam der Pilot vom RTH entgegen, den ich gut kenne. Wir unterhalten uns eine ganze Weile. Schließlich sind die Rettungskräfte noch bei einem Verletzten Menschen am Auto und davon macht man keine Fotos! Aus der Ferne kann man einen türkisfarbenen Kombi erkennen, um den eine ganze Menge Feuerwehrleute und viele meiner Rettungsdienstkollegen stehen und Infusionen halten oder irgendwie anders um das Leben des Patienten kämpfen. Von diesem Eindruck halte ich - wohlgemerkt  aus reichlich Entfernung - ein paar Fotos fest. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Polizei oft Fotos benötigt, wo sich der Pkw noch im „Originalzustand" befindet. Ich hatte zwar noch nicht wirklich mit der Polizei gesprochen, aber ich dachte mir, dass die sich hinterher freuen, wenn sie so ein Foto haben. Inzwischen sind auch andere Kollegen von anderen Redaktionen eingetroffen. Ein Feuerwehrmann kommt zu mir. Er geht mit mir auf die andere Seite der Straße - aus Richtung Schameder kommend. Erst jetzt erfahre ich, dass auch in der angrenzenden Wiese ein verunfalltes Auto steht. Daran arbeitet niemand mehr. Ich nehme das Auto nicht bewusst wahr. Auf der anderen Seite angekommen mache ich wieder Übersichtsaufnahmen der Einsatzfahrzeuge und des Hubschraubers. Jetzt kann man die Unfallstelle mit im Bild festhalten. Die Rettungskräfte haben das Unfallopfer aus dem türkisfarbenen Wagen befreit und zum RTW gebracht. Der Polizist winkt mich herbei. Ich weiß, was jetzt kommt - Routine schon fast. Wie besprochen fertige ich die erforderlichen Fotos an. Ich habe meine Arbeit eigentlich fast beendet, da kommt die Frage „Hast Du von dem Polo auch eins von vorne. Das bräuchten wir auch". Also gehe ich hin. Die Decke über dem Auto macht das ungute Gefühl leider zur Gewissheit. Hier ist ein Mensch gestorben. Ich rutsche den Graben runter, um das erforderliche Foto zu fertigen. Hinten am Polo gab es kein Kennzeichen mehr, oder das Gras war so hoch, dass ich es nicht sehen konnte. Aber vorne das Kennzeichen, das kann ich lesen. In dem Moment setze ich mich in die Wiese. Ich muss zwei Mal hinsehen, aber das Kennzeichen bleibt dasselbe - es verändert sich leider nicht. „Hast Du mal eine Halterabfrage gemacht?", frage ich einen  Polizeibeamten. Er bejaht das. Jetzt falle ich fast um, das Herz rast, mein Kopf tut mir weh, mir wird schwindelig und schlecht und ich habe Angst vor dem Namen, den Polizist mir sagen wird. Noch bevor ich meine Gedanken zu Ende bringen kann, ist der Name gesagt. Ich habe so eben einen guten Freund verloren. Auch mein Kollege der anderen Redaktion kennt ihn. Er ist ebenfalls fassungslos. „Matthes, geht mal zum Piloten", so der gut gemeinte Rat des Polizeibeamten. Der Pilot hat gesehen, was los ist - kommt uns schon entgegen. Wir gehen zur Maschine und reden - über alles und nichts. Ich kann im Moment keine klaren Gedanken fassen, frage mich, was ich trotz meiner Kamera und der Fotos für die Polizei hier suche. Alles ist anders geworden. Mir geht alles durch den Kopf. Aber nicht sortiert. Nur bruchstückhaft und durcheinander. Alles. Immer wieder. Ich laufe im Kreis. Ganz schlimm. Der Hubschrauber will gleich starten. Ich mache Fotos. Warum? Weiß ich nicht. Der Pilot ist weg. Der Kollege von der Redaktion auch. Ihm geht es auch schlecht. Er hat auch einen Freund verloren. Für mich war es nicht nur ein Freund, auch ein Kollege. In zweierlei Hinsicht. Rettungsdienstmitarbeiter und auch Reporter bei der Zeitung. Mein Anrufer meldet sich nochmals: „Wie siehts denn aus?", will er wissen. Ich erzähle ihm, was passiert ist. Er ist fassungslos. Wir legen beide auf. Ich setze mich in mein kleines Auto und fahre nach Hause. Es soll niemand sehen, wie mir die Tränen übers Gesicht laufen. Warum eigentlich nicht? Weiß ich nicht. Ich nehme nichts mehr wahr. Zu Hause halte ich es nicht aus. Fahre zur Rettungswache. Gedrückte Stimmung. Keiner sagt etwas. Ich halte es auch da nicht aus. Fahre zu meinem Anrufer. Hier reden wir lange und gut. Das hilft. Die kommenden Wochen und Monate sind anders. Alles ist anders. Vor einigen Tagen noch hatten wir beim Dienst zur Fußball WM auf dem Marktplatz gesessen und Blödsinn gemacht. Und jetzt? Nichts ist mehr - gar nichts mehr. Alles ist still. Alles ist anders. Ganz schlimm. In den kommenden Tagen müssen wir auch noch Dienst zur WM schieben - allein. Oft besuchen wir den Friedhof. Stumm. Ganz still. Was bleibt, ist Erinnerung an einen ganz lieben und tollen Menschen, von denen es viel zu wenige gibt. Er ist vollkommen unschuldig getötet worden. Durch eine ganz rücksichtslose Fahrweise einer Frau, die selbst Kinder hat. „Die ist ganz schlimm gefahren", das sagten mehrere Zeugen vor Gericht unabhängig aus. Die Fotos die ich gemacht habe - jetzt sind sie Beweismittel im Tod eines Freundes. Aber es bringt nichts. Der Freund ist tot. Er kommt nie wieder. Egal was die Fotos zeigen. Aber vielleicht helfen sie ja, eine Strafe zu finden, die der Angeklagten zumindest zeigt, dass ihre Fahrweise nicht tragbar ist. Eine gerechte Strafe gibt es hierfür wohl nicht. Hier ist ein Mensch gestorben! Mitten im Leben - ohne jede Schuld. Was soll es da für eine Strafe geben, wenn sie gerecht sein soll? Weiß nicht. Aber nicht mal eine Strafe, die eindeutig zeigt, dass dieses Fahrverhalten nicht tragbar ist, haben meine Fotos erreicht. Die Strafe ist vergleichsweise ein Witz. Der kleine Bruder meines Kumpels sitzt mir am Tisch der Staatsanwaltschaft gegenüber. Ich kann ihn nicht ansehen, sonst kommen mir die Tränen. Ich würde ihn in dieser Situation gerne mal drücken. Doch auch das geht nicht - dafür kenne ich ihn nicht gut genug. Nach der Verkündung des Urteils bin ich nicht der Einzige, der am Rechtssystem dieses Staates zweifelt. Der älteste Bruder meines Kumpels hat den Mut, dem Richter und dem Staatsanwalt seine Meinung zu sagen - Hut ab! Die erklären, dass sie sich hier an Vorgaben halten müssen und der Staatsanwalt - selbst gut bekannt mit meinem Kumpel - versichert dem großen Bruder, dass er das höchste Maß angesetzt hat, was möglich ist. Ich gebe dem Anwalt der Familie meine ausgearbeiteten Fotos mit, die ich vom Staatsanwalt wiederbekommen habe - vielleicht wollen sie Berufung einlegen.

So, nun ist es raus. Ob es nun gut war, das hier so zu schreiben, weiß ich nicht. Wenn man bedenkt, dass bald wieder ein Kalenderjahr hinter uns liegt und ich morgen ein neues Lebensjahr beginne, dann wird wieder bewusst, wie froh wir alle sein können, wenn uns nichts Größeres passiert. Hier ist innerhalb kürzester Zeit eine Familie zerbrochen worden. Über wie viele kleine, unscheinbare Dinge haben wir uns in dieser Zeit wieder aufgeregt? Und über wie viele haben wir uns mal gefreut?

Matthias Böhl, Bad Berleburg, 02.12.2007

Ein heißer Tag

An diesem Nachmittag war ich mit Arbeiten am Computer und mit Archivierungen einiger meiner Fotos beschäftigt. Es war einer der Tage der nicht so recht vergehen wollte. Draußen war schönes Wetter, aber alle Erntearbeiten waren bereits erledigt, sodass es auch da nichts gab, was man erledigen könnte. Aber zum Glück war ja um 18 Uhr eine große Feuerwehrübung mit drei Löschzügen in Berghausen angesagt, die ich für die Zeitung fotografieren sollte. Auch eine Feuerwehrzeitschrift hatte Interesse gezeigt. Die Arbeit mit den Fotos und am Computer war aufreibend, da ich das perfekte Chaos hatte. Leute, die mich kennen, können das nur bestätigen. Irgendwann flackerte der Computerbildschirm, ein Zeichen, dass wieder mal jemand versuchte, mich auf dem Handy zu erreichen. Wahrscheinlich hatte ich irgendjemandem Bilder von irgendeinem Einsatz versprochen und dies mal wieder vergessen. Das kommt regelmäßig vor. Unter einem größeren Wulst Papier kann ich das Handy nach einiger Zeit ausfindig machen. Gott sei Dank hat der Anrufer Geduld gehabt und nicht sofort wieder aufgelegt, als sich keiner gemeldet hat. Diese Spezies gibt es nämlich leider auch oft. „In Girkhausen ist gerade die Sirene gegangen", erzählt mir mein Anrufer recht hektisch. Schnell wird der PC ausgemacht, ich schnappe mir meine Fototasche, einen Griff in die Schublade und noch schnell ein paar Filme mitnehmen. Nicht mal eine Minute nach dem Anruf habe ich gebraucht und dann sitze ich im Auto. Das ist neuer Rekord. Die Konkurrenz schläft ja auch nicht. Den Weg nach Girkhausen kenne ich im Schlaf. Was ist dort los? Ist es eine Übung? Brennt es irgendwo? Ein Verkehrsunfall? Ich hoffe auf einen weiteren Anruf, denn bis jetzt weiß ich nur, dass in Girkhausen die Sirene gegangen ist. Schemenhaft rückt die Ortschaft näher, doch das Handy bleibt stumm. Wie immer habe ich mal wieder kein Guthaben. Keine Polizei, keine Leitstelle, bei der ich jetzt fragen könnte. Den Notruf blockiere ich nicht für so etwas. Mein Plan ist es, zuerst zum Feuerwehrhaus zu fahren. Manchmal steht der Einsatzort dort auf einer Tafel für die nachrückenden Kräfte. Manchmal trifft man auch einen Feuerwehrmann, den man fragen kann. Doch hier war es nicht so. Die Scheiben waren so hoch in die roten Tore eingebaut, dass ich nicht hindurch sehen konnte. Die Tore waren zu. Wild durcheinander standen die Pkw der Feuerwehrleute an der Straße, einige hatten noch ihre Warnblinker an. Im Hintergrund beobachten mich zwei alte Damen von der anderen Straßenseite. Wo sind die hing3fahren rufe ich ihnen zu. „Hier rauf!", ruft eine der Frauen zurück und zeigt in Richtung Mollseifen. Viele Häuser kommen nicht mehr in dieser Richtung. Ich setze mich in mein Auto und fahre los. Jetzt klingelt das Handy. Endlich eine Information? „Matthias, was ist in Girkhausen los? Da ist die Sirene gegangen?", auch meine Redaktion hatte nun Wind von der Sache bekommen. „Weiß ich noch nicht, bin aber gleich vor Ort", ich muss mich knapp halten. Vielleicht probiert jemand mich zu erreichen, der weiß, was los ist. Ich fahre die Straße immer weiter hoch und kann links im Wald blinkende Blaulichter wahrnehmen. Ein Verkehrsunfall - denke ich mir. Ich fahre in die Richtung. Ein Warndreieck steht nicht an der Kreuzung zum Waldstück. Einige Autos kommen mir entgegen. Lichthupe macht keiner. Das ist normalerweise üblich, wenn es irgendwo geknallt hat. Jetzt stehe ich an der Stelle, wo die Blaulichter geblinkt haben und ich sehe nichts. Der Wagen muss noch auf der Anfahrt gewesen sein. Aber das ist hier schon Hochsauerlandkreis. Das passt doch alles nicht. Unsicher fahre ich um die nächste Kurve. Dann traue ich meinen Augen nicht. Ein riesiger Rauchpilz über der Ortschaft Hoheleye. Ein Feuerwehrwagen quält sich vor mir den Berg hoch. Jetzt habe ich es geschafft. Der führt mich direkt zur Einsatzstelle. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Eigentlich sind es kleine Einsätze, die ich gewohnt bin. Ein Zimmerbrand wegen angebranntem Essen, ein Pkw im Graben, ein bisschen Hochwasser, ein umgefallener Baum. Doch hier ist es anders. Ich öffne die Fenster. Überall hört man Martinshorn, Brandgeruch liegt in der Luft. Jetzt kann ich erkennen, dass dort oben ein Bauernhof brennen muss. Wo stelle ich meinen Wagen ab? Blos keine Einsatzfahrzeuge behindern. Was nehme ich mit? Bei wem stelle ich mich vor? Ich stelle meinen Wagen im Ort in einer Bushaltestelle ab. Dann gehe ich zu Fuß weiter. Unterwegs sehe ich immer mehr Feuerwehrwagen, die die Schlauchleitungen mit Wasser versorgen. Einige der Fahrzeuge habe ich noch nicht fotografiert. Hier klickt die Kamera zum Ersten mal. Direkt sprechen mich einige Feuerwehrleute an, sie wollen Bilder haben. „Kein Problem", entgegne ich und frage, was los ist. „Da brennt der Bauernhof. Da steht alles in Flammen". Ich gehe weiter, langsam einen Weg hoch immer näher ans Geschehen. Von einer Wiese aus mache ich die ersten Fotos von der Einsatzstelle. Ich stehe zwischen etwa 20 Kühen. Doch die sehen das nicht so eng. Jetzt stehe ich direkt vor einer Scheune. Hier scheint der Brandherd zu sein. Zwei Feuerwehrleute kämpfen mit einem Strahlrohr gegen eine Meterhohe Flammenwand. Ich halte drauf. Ohne lange zu überlegen. Die Kamera klickt immer wieder. Solche Fotos kriege ich morgen nicht wieder. Nach einigen Minuten gehe ich weiter. Vorne auf dem Hof stehen die Polizei und die Einsatzleitung. Jetzt muss ich mich erst mal anmelden. Das gehört sich so und erleichtert die Arbeit sehr. Der Polizei - die Beamten aus dem HSK kenne ich nicht, ist es relativ egal. Die Feuerwehr weist mir einen Pressesprecher zu. Der führt mich durch die Einsatzstelle, schnell mache ich überall ein paar Fotos. Die ganze Scheune, der Kuhstall und Teile des Dachstuhls stehen in Flammen. Mein Teleobjektiv ist mir jetzt ein guter Helfer. Aus sicherer Entfernung kann ich super Bilder machen. Viel Zeit habe ich nicht. Schließlich beginnt in einer halben Stunde die Übung. Nachdem ich alle notwendigen Fotos gemacht habe, tausche ich mit dem Einsatzleiter die Telefonnummer aus. Ich brauche noch Informationen zum Geschehen. Da ist aber jetzt keine Zeit für da - gleich beginnt die Übung und ich muss noch neue Filme holen. Ich haste in Richtung Auto. Da geht das Handy. „Weißt Du Bescheid?", fragt mich ein Bekannter. Ja, ich bin gerade auf dem Rückweg, habe Bilder gemacht. „Das kann nicht sein. Ich stehe hier und es ist noch keine Feuerwehr da", erwidert der. Ich stutzte. Was ist los? „Hier in Aue brennt der Jägerhof!" Das kann nicht sein. Der erlaubt sich einen Scherz. Trotzdem laufe ich schneller zum Auto. Schnell fahre ich in Richtung Bad Berleburg. Filme muss ich ja auch noch holen. Inzwischen erreichen mich mehrere Anrufe, die mir von einem Scheunenbrand in Aue berichten. - Kein Scherz. Ich nehme Kurs in Richtung Aue. Die Übung fällt sowieso aus. Die Feuerwehr ist doch jetzt in Aue. Ich komme nach einigen Minuten Fahrt in Aue an. Wieder stelle ich mein Auto in eine Bushaltestelle, um keine Einsatzfahrzeuge zu behindern. Zu Fuß gehe ich durch einige Höfe und komme schließlich an. Hier sind zwei Polizisten, die ich gut kenne. „Du bist aber spät Matthes, das war aber schon besser!", als ich vom Bauernhofbrand auf Hoheleye erzähle, staunen die beiden nicht schlecht. Davon haben sie nichts gewusst - war ja auch ein anderes Einsatzgebiet. Hier in Aue löschen Feuerwehrleute brennendes Stroh in und vor der Scheune. Kinder haben vermutlich mit dem Feuerzeug gespielt, erzählt mir ein Polizeibeamter. Ich mache dabei Fotos. Dann gehe ich noch näher ran. Aufnahmen mit Atemschutz und dichtem Qualm machen sich immer gut. Ich sehe den Zugführer, der für die Übung zuständig ist. „Die fangen gleich schon mal an", sagt er mir. Meine Fotos in Aue habe ich alle gemacht, auch die Polizei braucht keine speziellen Aufnahmen. Ich fahre Richtung Industriegebiet Berghausen, dahin wo die Übung stattfinden soll. Dort ist bereits alles im Gange. Schnell mache ich ein paar Fotos von der Personenrettung, hole mir die nötigen Informationen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Jetzt muss ich schreiben. Es gibt viel zu tun. Als ich zu Hause den PC hochfahre, flackert der Bildschirm wieder. „Bei uns neben dem Haus brennen Strohballen auf der Wiese. Gerade ist auch die Sirene gegangen", ich springe auf und fahre Richtung Raumland. Diesmal habe ich eine ganz genaue Ortsangabe bekommen. Die Strohballen sind bei meinem Eintreffen schon gelöscht und ich fahre wieder heim. Das ist mir egal. Die Fotos, die ich heute bekommen habe, habe ich sonst in drei Monaten nicht bekommen. Ich schreibe bis spät in die Nacht meine Berichte und sortiere die Filme zur Entwicklung aus. Am nächsten Morgen gebe ich die Filme ab, die in einer Stunde fertig sind. Inzwischen lese ich die Berichte in der benachbarten Redaktion ein. Als ich die Fotos hole, fällt der Redaktionsleiter fast vom Stuhl. „Das ist ja Wahnsinn! Das nehmen wir auf jeden Fall. Drei Bilder!". Der Einsatz hat sich gelohnt und am nächsten Tag erfahren die Leser auf einer kompletten Seite, was die Feuerwehr in den letzten Stunden geleistet hat.